Silvia Brockfeld - Malerei

 

Swinging Colours

Rede zur Ausstellungseröffnung von Martin Koroscha, 2017


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Anwesende.

„Swinging Colours“ hat Silvia Brockfeld ihre Ausstellung hier im Paritätischen genannt.
„Swingen“, das kennen wir von der Musik, insbesondere einer sehr lebensbejahenden, fröhlichen Musik, dem Swing. Übersetzen kann man „swinging“ auch mit „schaukeln“ und „schwingen“, also bewegten Zuständen.

„Colour“, Farbe, stellt man sich erst einmal als etwas eher festes, fühlbares vor, z.B. als Pigment oder als Farbstoff. Tatsächlich geht es aber bei „Farbe“ nicht um etws Stoffliches, Materielles, sondern um reflektierendes Licht, das sich dem Auge auf jedem Trägerstoff anders darstellt. So besteht z.B. das uns weiß erscheinende Licht aus dem gesamten Farbspektrum (Prisma). Die von uns wahrgenommenen Farben sind eigentlich unterschiedlich lange Wellen, die schwingen und messbare Wellenlängen haben. Je langsamer diese schwingen, desto „wärmer“ erscheint uns die Farbnuance, je schneller die Schwingung, desto „kühler“ unsere Empfindung für diesen Farbton. Umso leuchtender und greller eine Farbe ist, desto stärker ist ihr Reiz auf unsere Sinne. Deshalb wird beispielsweise das „Rot“ als Signalfarbe eingesetzt.
Manche Blinde können Farben über diese Schwingungen wahrnehmen, fühlen und erkennen. Wissenschaftler vermuten, daß die mit den Farben verbundenen Schwingungen unsere Gehirnstrukturen beeinflussen.und deshalb eine so starke Wirkung auf unsere Befindlichkeit haben.

Schwingungen sind sowohl bei der Farbe als auch in der Musik vorhanden und ihre Gemeinsamkeit erkennt man schon bei den Bezeichnungen von Klang- und Tonfarbe in der Musik und Farbklang und Farbton in der Malerei.

So müßte es doch eigentlich möglich sein Musik zu visualisieren, also Musik abbildbar zu machen oder eben Farben hörbar?

Vor der Romantik herrschte die Meinung, dass Musik und Kunst zwei voneinander getrennte Künste seien, die sich nicht vereinen lassen. So behauptete Gotthold Ephraim Lessing im Jahre 1766, dass „die Farben keine Töne, und die Ohren keine Augen“ seien.
Für ihn war die Musik „Zeit-Kunst“, weil sie sich über die Zeit erstreckt und sich erst nach Beendigung des Stücks dem Zuhörer erschließt. Die bildende Kunst dagegen wurde als losgelöst von der Zeit gesehen und war als „Raum-Kunst“ zu verstehen, denn beim ersten Blick prägt sich ein Bild dem Betrachter ein. Sie erstreckt sich im Raum und erschafft Räume mit Hilfe der Perspektive.
Im 20. Jahrhundert wurde diese Trennung der Künste endgültig verworfen, die Synthese der Künste war das Ziel. Vor allem die Meister des Weimarer Bauhauses, u.a.Wassily Kandinsky und Paul Klee träumten von einem Kunstwerk der Gesamtheit. Ihrem Ziel wollten sie vor allem mit Hilfe der Abstraktion näher kommen. So kann die Musik in ihrer Immaterialität als Auslöser der Abstraktion gesehen werden. Diese Anziehungskraft, die die Losgelöstheit von gegenständlicher Bindung auf die Künstler ausübte, endete in der Gegenstandslosigkeit der abstrakten Kunst.
Die polyphone Malerei, also ein mehrschichtiges, gleichzeitiges Geschehen im Bildraum, war Klees Lösung für das Problem. Um die Polyphonie in einem Bild auszudrücken, interessierte er sich vor allem für
1. Linie, die für ihn nicht statisch sondern als energetischer Impuls bzw. eine Bewegungsform gesehen wurde,
2. Rhythmus als Bewegung im Bildraum und Analogie zum Zeitlichen in der Musik, und
3. Farbe, wobei Klee sich bei seinem Farbgebrauch an musikalischen Mustern wie z.B. die Spiegelung orientierte.
Auch Wassily Kandinsky versuchte, mit Hilfe von Farben, Formen und Linien Bilder zu komponieren und unternahm den Versuch bestimmten Farben Klänge zuzuordnen. Für ihn war die Farbe besonders wichtig, da sie die Seele des Betrachters zum Vibrieren bringen kann und so die gleiche Funktion einnimmt, wie der Klang in der Musik.
In seinem Buch „Über das Geistige in der Kunst“ entwarf er seine Farb-Instrument-These. Hierbei ordnet er jeder Farbe eine bestimmte Eigenschaft und Klangfarbe zu, zum Beispiel hat das „Grün“ für ihn die Klangfarbe von ruhigen, gedehnten, mitteltiefen Tönen einer Geige .
Die Eigenschaften von „Grün“ beschreibt er wie folgt: Es ist ruhigste Farbe die es gibt, sie wirkt langweilig und passiv: „Das Grün ist wie eine dicke, sehr gesunde, unbeweglich liegende Kuh, die nur zum Wiederkäuen fähig mit blöden, stumpfen Augen die Welt betrachtet“.
Das lassen wir jetzt einfach mal schmunzelnd so stehen und wenden wir uns nun dem Werk von Silvia Brockfeld zu:

In der Kunst von Silvia Brockfeld finden wir die eben erwähnte Synthese von Musik und Malerei wieder und auch ihr Bildraumgeschehen ist polyphon und abstrakt.
Ihre Bilder entstehen ohne Vorentwürfe und entwickeln sich erst beim Malakt auf der Leinwand im Dialog mit dem Material. Denn die Künstlerin möchte nicht die Realität auf der Leinwand wiederholen, viel mehr lässt sich in ihrer prozesshaften Malerei durch den Einfluss von Hörerfahrungen anregen. Viele einzelne einander gegengesetzte Pinselspuren, die sich mit der Zeit zu einem ganzen verbinden, werden durch das Hören von Musik beeinflusst. Rhythmen, Töne und Melodien von Astor Piazolla, Miles Davis, Philipp Glass u.a. werden von ihr so in dynamische Farb- und Formspiele übersetzt.
So gehören die Arbeiten, hier hinter mir, zu einer neu erstandenen Serie mit dem Titel "Conversation with myself" , die von der gleichnamigen Musik des Jazzpianisten und Komponisten Bill Evans beeinflusst wurden. Mit Hilfe der Mehrspur-Aufnahmetechnik hat Evans 1963 mit sich selbst an drei Klavieren gespielt. Silvia Brockfeld hat sozusagen malerisch mit einem ähnlichen Überlagerungsverfahren gearbeitet und insbesondere dieses Überlagern der verschiedenen Ebenen ist es, was ihre Arbeiten von den Werken Kandinskys und Klees unterscheidet, ohne in Konkurrenz treten zu wollen.
Anders als bei Synästhetikern, wozu auch Kandinsky zählte, hört Silvia Brockfeld aber nicht die Farben oder sieht die Töne, auch benutzt sie keine analytischen Programme. Allein von der Stimmung und Rhythmik der Musik getragen wird sie über Gefühl, Intuition und Assoziation in ihre Malerei geführt.
Ihre Bilder, überwiegend in Öl auf Leinwand in Verbindung mit grafischen Materialien, sind gemalte Netzwerke, deren malerische Verflechtungen einem musikalischen Klangteppich ähneln. Sie bestehen aus unterschiedlichen malerischen Strängen, die sich mal verdichten und einen Hauch von Gegenständlichkeit andeuten, sich anderenorts aber wieder auflösen. Vibrierende Linien durchziehen den Malgrund und durch die in mehreren Schichten angelegte Malerei, entsteht eine Räumlichkeit, in der immer wieder Fragmente von körperlichem, organisch-pflanzlichen auftauchen und doch das Auge frei entscheiden lassen.

Silvia Brockfeld möchte die Betrachter mit ihren Bildern zum Assoziieren anregen und sie mitziehen in den Rhythmus,die Stimmung und die Schwingungen, die von ihnen ausgehen. Seien Sie, sehr geehrte Damen und Herren, herzlich zu diesem Erleben eingeladen und schwingen Sie mit den hier ausgestellten Bildern von Silvia Brockfeld.

Martin Koroscha


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Memory

Rede zur Ausstellungseröffnung von Angela Piplak, 2009

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Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich sehr, heute Abend ein paar einführende Worte zu den Arbeiten von Silvia Brockfeld sagen zu dürfen.

Der Titel der Ausstellung „Memory“ ist längst nicht so eindeutig wie es bei einem ersten Blick auf das identische quadratische Format der Arbeiten scheinen mag, sondern er bietet Raum für weitere Interpretationen. An das Spiel Memory werden sich wohl die meisten von Ihnen als Zeitvertreib verregneter Nachmittage der Kindheit erinnern: Verdeckt ausgebreitete quadratische Karten, auf deren Unterseite sich jeweils zwei identische Motive befinden die in einem Spielzug zusammen aufgedeckt werden müssen. Ein Spiel zum Gedächtnistraining.

Das englische Memory bedeutet Gedächtnis, beziehungsweise Erinnerung, aber auch das Andenken an eine Person oder Ereignis. In den Arbeiten von Silvia Brockfeld stecken nun beide Bedeutungen von Memory: Die Arbeiten im Format 29 x 29 cm mit den unterschiedlichsten Farben, Formen und Motiven, lassen sofort nach Übereinstimmungen wie in einem etwas komplexeren Memoryspiel suchen. Auch die gewählte Hängung erinnert an ein angefan-genes Memory Spiel, dessen erste Paare bereits gefunden und zur Seite gelegt wurden.

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Die vielschichtigen Motive, Ausschnitte, Formen und Reihungen lassen hingegen an Gedächtnissplitter und fragmentarische Erinnerungsbilder denken, deren vollständige Geschichte sich der Betrachterin und dem Betrachter nicht erschließt. Über diesen sichtbaren Teil der Bilder hinaus, gibt es einen weiteren unsichtbaren Aspekt: So wie originäre Gedenkorte, Gegenstände und Erinnerungsfotos, sind auch diese Bilder „Behältnisse“ von vielfältigen Erinnerungen, Gedanken und Assoziationen der Künstlerin selbst, die in Farbe und Form ihren eigenen Ausdruck gefunden haben. Mit dem Ausstellungstitel Memory lässt die Künstlerin offen, welche Erinnerungen gemeint sind, ihre eigenen oder die der Betrachtenden – oder Beides.

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Bereits seit dem Jahr 2001 arbeitet Silvia Brockfeld mit dem quadratischen Format. Ursprünglich eher beiläufig eingesetzt als Experimentierfeld für neue Ideen und Techniken, entwickelte sich das Format inzwischen zu einer eigenständigen künstlerischen Werkgruppe, die neben ihren großformatigeren Werken einen ganz eigenen Platz behauptet. Die Künstlerin nimmt diese Form immer wieder auf und interpretiert sie neu. Entstanden ist so im Laufe der Jahre eine umfangreiche Serie, aus der heute nun ein Ausschnitt präsentiert wird. Die ursprüngliche Idee des Experimentierens mit Farbe, Form, Fragment, Material und künstlerischer Technik hat Sylvia Brockfeld aber nicht aufgegeben, sondern sie findet sich in allen hier präsentierten Arbeiten wieder. Aus jedem der Quadrate spricht eine eigenständige Herangehensweise an das entstandene Werk.

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Eine durchaus „resourcenschonende“ Arbeitsweise können sie beispielsweise auf dem Bild unten links auf dem Flur sehen. Das gezeigte Fragment ist ein Ausschnitt aus einer größeren Arbeit, wobei das Wort Ausschnitt wörtlich zu verstehen ist: Arbeiten, die dem äußerst strengen Urteil der Künstlerin nicht oder nicht mehr genügen, werden zerteilt und die Fragmente mit Kleister auf MDF Platte geklebt. Diese Form des „Bildrecyclings“, wie man es nennen könnte, führt zu einer völlig neuen Bildidee, in der das vormalige „bigger picture“ als abstraktes Geheimnis enthalten bleibt

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Das Ausschnitthafte und Fragmentarische zieht sich durch alle Arbeiten und ist verbindendes Element– unabhängig davon, ob Silvia Brockfeld gegenständlich oder abstrakt malt, unabhängig davon welche Materialien sie verwendet und unabhängig davon, ob das Motiv aus einem größeren Bild herausgelöst oder die Bilder in dem vordefinierten Format entstehen. Bildträger all ihrer Arbeiten ist grundierter Nesselstoff. Die meisten Arbeiten sind Misch-techniken auf der Grundlage von Acrylfarbe, nur einige wenige Bilder sind in Öl gearbeitet und vereinzelt finden sich auch Collagen aus verschiedenen Materialien, wie die grün gehaltene abstrakte Arbeit dort drüben neben der Bürotür, in der die glatte Oberfläche des Nesselstoffs durch zerknittertes Papier konterkariert wird.

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Ausgangspunkt vieler Arbeiten sind selbstaufgenommene Fotos. Das Spektrum reicht von alten Familienaufnahmen bis zu den Ergebnissen fotografischer Streifzüge des vergangenen Sommers. Orte der flüchtigen Begegnungen wie Biergärten, Flohmärkte oder Feste finden sich ebenso wie dekorierte Schaufenster, Szenen aus Vergnügungsparks und von Sonntagsspaziergängen. Einige Fotos wurden am Computer verfremdet und dann gemalt. Aus anderen wurden lediglich Ausschnitte gewählt oder ganze Szenen aus dem ursprünglichen Kontext gelöst.

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Trotz der eingesetzten Verfremdungen werden die Proportionen der gezeigten Protagonisten beibehalten, wie am Bild der zwei schwarzgekleideten Frauen in Rückansicht zu sehen ist. Das Foto, aufgenommen im Café Sand, zeigt die zwei Frauen scheinbar im Gespräch. Erst auf den zweiten Blick wird eine dritte Frau mit Sonnenbrille im Halbprofil sichtbar, die, am gleichen Tisch sitzend, sich in Kommunikation mit der blonden Frau befindet, während die dunkelhaarige Frau eine Reihe vor den Beiden sitzt. Lediglich die gewählte Perspektive und der Bildausschnitt ergeben eine völlig neue Konstellation der drei Protagonistinnen zueinander und damit eine neue erzählerische Ebene.

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Das Bild der - nun drei Frauen- verdeutlicht noch einen weiteren roten Faden in der Arbeit von Sylvia Brockfeld. Die Protagonisten in den gegenständlichen Arbeiten sind stets in Rückansicht oder in Halbprofil mit verdeckten Augen dargestellt: Die Menschen bleiben so fremd und geheimnisvoll. Sie wenden sich vom Betrachtenden ab und erzeugen dadurch Distanz. Die Rückansichten erzeugen darüber hinaus ein latentes Unwohlsein darüber, in die Rolle des Voyeurs gedrängt zu werden.

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Die Farben grün, gelb und rot, in einer Vielzahl von Schattierungen ist eine weitere Komponente, die sich durch viele Arbeiten der Künstlerin zieht. Pastelltöne stellen eher eine Minderheit dar, führen aber zu kräftigen Ergebnissen, wie im Sitzungszimmer an dem Landschaftsidyll mit Kühen zu sehen ist

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Neben den Bildern mit Personen findet sich eine Reihe ebenfalls gegenständlich gehaltener Stilleben. Auch hier ist die Bandbreite der gewählten Motive enorm. Zu sehen sind Tauf- und Kinder-kleidung in einem Schaufenster Flohmarkttische, bestückt mit Akkordeon oder ein Arrangement mit edlem Hummer in leuchtendem Rot, dessen Vorlage aus einem Kochbuch der 60er Jahre stammt. 

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Nicht nur die gegenständlichen, auch die auf dem ersten Blick abstrakt gehaltenen Arbeiten haben durchaus reale Vorlagen. Vielfach bewegen sie sich zwischen Figuration und Abstraktion. Nicht immer ist eine eindeutige Trennung möglich. Zwischen dem üppig wuchernden Rankwerk, Fäden und ornamentgleichen Elementen blitzen immer wieder vorgefundene Formen aus dem Fundus des Ateliers der Künstlerin auf. Aufgenommen werden die Umrisse einer mitgebrachten Diestel, ebenso wie der halb gefüllte gelbe Sack. So entstehen florale Formen, sorgfältig arrangierte Farbfelder, Farbschlieren und Überlagerungen.

 

Neben den farbenprächtigen Arbeiten fallen gedecktere Arbeiten in dunklen Brauntönen auf. Diese sind Ergebnisse der Versuche von Sylvia Brockfeld, aus dem nicht gerade bunten Bremer Boden Erdpigmente herzustellen, die mit Caparolbinder vermengt als Farbe dienen. In diesen Bildern standen zunächst die Linien fest auf deren Grundlage Flächen und Kontraste entstanden. Hier arbeitet die Künstlerin frei von Vorlagen assoziativ und lässt die Bilder so wachsen und reifen.

 

Dieses Moment des „Entstehenlassens“ führt zu einem letzen bemerkenswerten Punkt in der Arbeitsweise von Sylvia Brockfeld. Das Format der Arbeiten mit dem vorgegebenen Maß von 29 x 29 cm. Das Quadrat hat im Gegensatz zum Hoch- und Querformat keine eindeutige Ausrichtung. Während das Hochformat Unruhe erzeugt, das Querformat eher ruhig auf dem Betrachter wirkt, verhält sich das Quadrat absolut neutral. Dieser neutralen Ausrichtung kommt gerade in den abstrakten Kompositionen von Sylvia Brockfeld eine besondere Bedeutung zu. Andere Arbeiten, nicht nur die mit Erdpigmenten, entstanden ebenfalls gänzlich ohne bildnerische Vorlage. Sie entstandenen Schritt für Schritt durch Einsatz verschiedener Farben und Materialien wie Blei- und Buntstift, Wachsstift, Kreide und Rötel. Die Ausrichtung des Bildes steht anders als beim klassischen Hoch- oder Querformat zunächst nicht fest, sondern bildet sich erst im Laufe des Entstehungs-prozesses heraus. Bis diese Eindeutigkeit herausdestilliert ist, wird das Bild mehrfach gedreht und in dieser Position weiterbearbeitet. Durch dieses Vorgehen entsteht eine spezifische Offenheit und Leichtigkeit der Komposition, wie sie für Silvia Brockfelds Arbeit typisch ist.

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Ich hoffe, ihnen einige Hinweise auf die Bilder von Silvia Brockfeld gegeben zu haben und wünsche ihnen nun ganz viel Spaß bei ihrer Paarfindung des Memorys.

 

Angela Piplak

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Koloraturen

.Rede zur Ausstellungseröffnung von Barbara Figge, 2014 .

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Ich begrüße Sie alle ganz herzlich hier in der Galerie „Kunstmix“ zur Ausstellung Koloraturen von Silvia Brockfeld. Die Arbeiten sind in etwas mehr als einem Jahr entstanden. Verschiedene Werkgruppen aus diesem Zeitraum sind hier kombiniert, die jede unter einem eigenen Thema stehen, aber auch vieles gemeinsam haben. Der Titel der Ausstellung, Koloraturen, geht aus dem Namen einer Reihe von Arbeiten hervor, die einen Teil der Ausstellung ausmachen; der Begriff Koloraturen eröffnet aber auch einen Blick auf die anderen Bilder. 

1. Die Farbe, die Töne

Koloratur - spontan kann man sie direkt dem Bild zuordnen: „color (colour, coleur, colore)“ - in vielen Sprachen die Farbe; der Begriff findet sich wieder im „Kolorit“ - in der Farbgebung, in „Kolorismus“ - der Malerei, die sich der Farbe als oberstem Gestaltungsmittel bedient (wie z.B. die Impressionisten). Doch die eigentliche Verwendung findet der Begriff „Koloraturen“ in einer anderen Kunst, in der Musik: Ko|lo|ra|tur, die; virtuose gesangliche Verzierung, wie der Duden angibt, bzw. die „Ausschmückung und Verzierung einer Melodie mit einer Reihe umspielender Töne“.

Am ehesten zu finden ist dies in der Oper, vorrangig in den Arien weiblicher Solistenstimmen, die ihre Kunst in vibrierenden, Klänge umrankenden Tonfolgen beweisen. Dabei betreiben sie mit ihrem Instrument, der Stimme ein Spiel, das erlaubt, sich innerhalb der Komposition von der vorgegebenen Melodie zu lösen.

2. Rückübersetzt in die Malerei

gibt es auch malerisch das Spiel mit einer Grundkonstante: Hier umspielen nicht Klänge eine Melodie, sondern Farbtöne eine das Bild beherrschende Farbe, indem sie Varianten ins Lichthelle und ins Dunkel-Düstere entwickeln. Und die Farben umspielen nicht nur einander, sondern auch das Gerüst aus Linien und linearen Formen, lassen es zurücktreten und doch besteht es als Teil des Spiels weiter.

In der Serie „Koloraturen“ waren Silvia Brockfelds Ausgangspunkte großformatige Arbeiten, die sie in kleinere Leinwandflächen zerteilt hat. Die Fragmentierung eines Bildes in mehrere, kleinformatige erzeugt eine „neuartige und überraschende Ausgangssituation“ und eine „neue Einfachheit in der Bildkomposition“, so S.B., sie lässt eine Bearbeitung zu, die das vorhandene Thema der Arbeiten fortsetzt, varriiert und umspielt - also koloraturenhaft mit dem vorher entwickelten Grundthema umgeht. Dieses Grundthema bleibt erhalten und schafft die Verbindung der Arbeiten in ihrer Formensprache; aus der Wiederholung und im Abweichen vom Grundton erwächst die Spannung der Arbeiten. Eine Komposition parallel zur Musik, die nicht unmittelbar der gehörten Musik folgt, aber sich ihrer erinnert.

Die ungleiche und doch sich wiederholende Formenwelt bildet  Rhythmen.  Aus malerischer Bewegung und Gegenbewegung werden - gleich musikalischen Rhythmen - rhythmisierte Linien, das „Liniengerüst“ wird, so sagt S.B., zur „Grundlage für die Entstehung der schwebenden Formen und der Gesamtkomposition“. Die Komposition, so in „The Swing“, schafft Formen, die für sich wirken: Kräftig, sanft, kleinteilig, unruhig, gelassen, explosiv, mäandernd, suchend, triumphierend, leuchtend, zurückhaltend, hervorspringend und zurücktretend. Das gefährliche Schillern hat seinen Kontrast im starken, ruhig begleitenden umspielenden, spülenden Türkisblau; Räume lösen sich im weißen Licht auf, aus schwarzen Konturen wachsen kraftvolle Farben.  Man betrachtet das Bild mit einer Ahnung von Dingen, die einem begegnen könnten. Sind es kleine Tiere, Käfer, Insekten und sich rankenden Pflanzen? Oder die künstlichen, changierende Lichter einer Stadt? Die Motive werden gegenständlich nicht ausformuliert, im Malen aber klingen sie an. Man ahnt eine Bilderwelt. - So, wie vom Traum das Gefühl des Erlebten bleibt.

3Das Immaterielle // The Swing

Wie beim Hören von Musik lösen die (Farb-)töne, die Linien und Flächen Gefühle und Vorstellungen aus, hinterlassen einen Eindruck. Die Loslösung der Malerei vom abzubildenden Gegenstand geht einher mit der Idee, den Betrachter zu erreichen, indem die Malerei den eigenen Gesetzen und der Kraft des unmittelbaren Ausdrucks der künstlerischen Mittel vertraut. Kandinsky spricht vom „inneren Klang“  des Bildes, der, ungefiltert vom Gegenständlichen, auf den Betrachter einwirkt. Beim Betrachten bedeutet dies: Dem raschen Auffassen einer Gesamtstimmung im Bild, einer unmittelbaren Wirkung folgt ein Einstieg in das Zusammenwirken der Formen und Farben ohne das sichere Geländer einer bekannten gegenständlichen Welt.

4. Traum // Luzider  Traum                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Besonders der Titel „Luzider Traum“ verweist auf die Möglichkeit von Gegenständen, vielleicht sogar Figuren: Beim Umherstreifen durch den Bildraum scheinen sie auf - und verschwinden wieder. Sie sind nicht manifestierbar und führen ein Leben unter der Oberfläche, die nur assoziativ Fetzen von Dingen zeigt. Wie in der Freudschen Traumdeutung verdichten sich verschiedene Ereignisse und Gegenstände zu einem Bild, sie verschieben sich, vielleicht ist die Blüte ein Verweis auf noch etwas Weiteres? Vielleicht vereinen/verdichten sich in einer Form zwei Dinge? Wie bei der écriture automatique, in der die Surrealisten in freien Wortassoziationen vermeintlich sinnfreie Poesien schufen, um sich einen Zugang zu eigenen unbewussten Bildern zu schaffen, ist hier eine „peinture automatique“, eine ungeplante Malerei, die keine Skizzen braucht, die Malgrundlage; daraus leitet Silvia Brockfeld im Malprozess Bildassoziationen ab, entzieht diese dann aber dem Betrachter wieder, um Nebenprodukte des automatischen Malens zu betonen - als eine eigene Sprache einer eigenen Welt

5. Zeit vs. Raum // Die Prozedur

Musik: verläuft in der Zeit, es gibt eine festgelegte Reihenfolge, geplante Gleichzeitigkeit, gewollte Pausen und Verzögerungen, der Takt gibt der Musik Struktur. Im Bild ist die Zeit enthalten sowohl in Prozess der malerischen Produktion als auch in der Rezeption; der Verlauf der Zeit begleitet die kaum steuerbare Wahrnehmung. Die Malerin folgt beim Malen den entstehenden Formen, löst sie auf, verbindet sie in einem assoziativen, hoch konzentrierten Prozess, immer das ganze Bild im Auge, vom Zentrum aus entwickelt sich ein Geflecht, hervorhebend und verschleiernd. Mal wechselt auch die Ausrichtung. Wenn Sie nun die Bilder betrachten, folgen Sie ihren eigenen Seh-Wegen, denn:

6. Finale Lesart

Koloratur: Kommt von colorare „färben; Farbe, Schwung geben; aus- schmücken“. Dies ist als Anleitung zu verstehen: Der Farbe, den Formen und ihrem Schwung (vertrauensvoll) zu folgen, (sich von ihr hochreißen  und auch niederdrücken zu lassen,) ihr mit- und nachzugehen wie dem Klang von Instrument und Stimme. Dabei: Ist das Ausspinnen erwünscht - Lassen Sie Bilder entstehen, machen Sie Entdeckungen, lassen Sie sie verblassen zugunsten anderer, sie umspielender (Bild-)Töne. Viel Vergnügen dabei!

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Barbara Figge

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